Fast freiwillig fasten

Die Überschrift ist – eigentlich – ein fast geschmackloses Wortspiel und bevor ich noch mehr „Lustiges“ mit Essen und den Verzicht darauf anbringe, lieber von vorne:

Seit knapp 60 Tagen (hier fings an) führe ich nun Ernährungstagebuch, beobachte meine Haut und ernähre mich so komplett anders, dass ich mir fast wie ein Anderer vorkomme.

Ich habe zwischendurch immer mal wieder Hautausschlag und bis jetzt lässt sich das prima auf verschiedene Lebensmittel zurückführen, sodass wir dieses Lebensmittel aussortieren können (aktuell Radieschen).

Was mir aber weitaus mehr zu schaffen macht, ist die Veränderung an Körper und Geist, die ich wahrnehme.
Zunächst das Körperliche: Ich nehme ab. Die Kilos purzeln. Zwar nur langsam und nicht radikal, aber sie purzeln.

Ich habe mir jetzt eine Hose eine Nummer kleiner gekauft, weil mir die bisherigen ständig rutschen und nicht mehr sitzen … und ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mir das gefällt auf einer bestimmten Ebene.

Für mich, der sich seit seinem 15/16 Lebensjahr (und auch schon früher teilweise) für zu dick hält (und es – wenn man objektive Kriterien heranzieht – auch immer war), ist das eine unglaubliche Erfahrung. Auch wenn es bislang sich nur um wenige Kilos handelt.

Viel tiefgreifender ist die Veränderung im Geistigen, in der Psyche. Meine Sicht aufs Essen, das Belohnungssystem, das seit fast 30 Jahren aufgebaut und perfektioniert wurde, hat sich verabschiedet.

Diese Strukturen in meinem Kopf beginnen sich aufzulösen. Ich habe kein Verlangen mehr danach, Essen in mich hineinzustopfen, wenn ich mich unglücklich und / oder unwohl fühle. Ich muss nicht mehr viele emotionale Reaktionen mit Essen abfedern und mich immer wieder in den Teufelskreis aus Frust-Essen-Frust über das Essen und mein Gewicht-Frust… stürzen.

Mein Körper hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es an der Zeit ist, damit aufzuhören. Und nach knapp 60 Tagen kann ich behaupten: Ich bin ein Stück auf diesem Weg gegangen. Ein großes Stück.

Ich esse nur noch sehr ausgewählte Sachen. Die Zahl der Lebensmittel, die ich nicht mehr zu mir nehme, hat sich verzehnfacht. Aber noch viel entscheidender ist, dass ich immer mehr von diesem „Ich muss jetzt sofort was essen, sonst sterbe ich“ Gefühl wegkomme.

Ich habe heute Nachmittag das Letzte gegessen. Seither nichts mehr. Und auch, wenn ich im Moment Appetit verspüre, ist das doch nichts mehr gegen die Fressattacken, die ich früher hatte.

Das Essen verliert seine Macht über mich und das ist etwas, dass sich für meinen Kopf in seiner Wirkung noch nicht mal ansatzweise abschätzen lässt.

Mir ist schon bewusst, dass mein Körper nicht so sehr das überflüssige Fett abbaut (Fett verliert man immer zuletzt), aber das ist auch (noch) nicht so wichtig. Ich genieße das Gefühl der Freiheit.

Ich kann für meine Familie in eine Dönerbude gehen, vier Portionen Pommes und drei Döner ohne Sauce bestellen und – nichts.

Ich kann nicht behaupten, dass es mich kalt lässt. Aber der Fress- und Futterneid, das Gefühl, zu kurz zu kommen und nicht das zu haben, was alle haben… das verschwindet mehr und mehr und das ist so ein gutes Gefühl… Ich kanns kaum beschreiben.

Ich werde in naher Zukunft mit Sport anfangen. Ich werde mir einen Trainingsplan zusammenstellen, mir Zeiten suchen, zu denen ich das machen kann und dann langsam anfangen, meinen Körper in Form zu bringen.

Die Zeit ist reif dafür. Ich hatte noch nie einen Körper, der „In Form“ war.

Ich habe die bis zur Pubertät all die Essfehler und –sünden, die meine Eltern (in bester Absicht) an mir begangen haben, verinnerlicht, danach den Alkohol jahrelang gefeiert und auch, als das vorbei war, mich nie ernsthaft mit diesem Thema auseinander gesetzt. Pseudokluges Gerede in dieser Hinsicht habe ich genug von mir gegeben, aber erst jetzt erkenne ich, wie weit weg das von tatsächlicher Beschäftigung mit dieser Thematik das war.

Ich versuche, diesen Weg weiter zu verfolgen und vielleicht nach noch einmal 60 Tagen zurückblicken und sagen: „Da. Am 6. Dezember 2013 begann die nächste Phase“

Die nächste Phase meiner Genesung.

Heil werden. Ganz werden. Ja zu mir sagen.

Und es auch so meinen.

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