Regen-Jacke

Heute Morgen eine Regen – Jacke anzuziehen, nur weil es ein wenig von oben tropft, ansonsten aber so warm – wie es im Sommer nun mal ist – ist, zeugt von einer tiefer gehenden Problematik, als mir bislang bewusst war.

Nass werden bedeutete für mich immer "krank werden". Regen und Nässe bekommen mir nicht so besonders, auch wenn ich dieser Witterung mehr abgewinnen kann, als 40 Grad im Schatten und Non-Stop-Dauersonne.

Ich habe das Gefühl, mich leicht zu erkälten und das bedeutet gleich wieder, dass mein Asthma sich meldet, anhaltender Schnupfen einsetzt und ich mich mehr elend fühle.

Ich glaube aber inzwischen, dass dieses Elend-fühlen nur eine Form der Belohnung für mich darstellte, denn wer krank ist, muss betüdelt werden. Wer leidet, dem wird geholfen und der bekommt Zuwendung.

Leiden kann also eine Form der Belohnung für einen Selbst und eine Form von Erpressung gegenüber demjenigen sein, von dem man Zuwendung erwartet.

Ich liebe es mitzubekommen, wie die Liebste diese Form von Zuwendung für unsere Kinder praktiziert: Wenn sich eines der Kinder weh tut, dann wird es gesehen. Regelrecht gesehen.

Die gesamte Aufmerksamkeit wird darauf gerichtet, aber nicht in einer flatterhaft-hysterischen Version, sondern ernsthafte, respektvolle Aufmerksamkeit.

Lösungsansätze werden nicht einfach übergestülpt, sodern das Kind wird mit einbezogen. Natürlich wird bei ersthaften Dingen nicht herum diskutiert. Die Methode, die als richtig erachtet wird, wird kurz erklärt und dann umgesetzt. Alles ruhig, aber durchaus autoritär.
Der richtige Mix für ein Kind, das Zuspruch braucht, aber auch einen Erwachsenen, der weiß, was er tut und damit ein Gefühl von Sicherheit vermitteln kann, das grade in so einer Situation auch nötig ist.

Getröstet wird drumherum ausserdem und auch den übrigen Kinder wird nötigenfalls klar gemacht, dass ihr Geschwister mit der Verletzung im Moment die höchste Priorität genießt.

Ein Zuviel an Aufmerksamkeit wird aber auch nicht gegeben. Nachdem alles getan wurde, was nötig ist, folgt eine Zeit, in der das Kind dann erst mal zu sich finden und auch auf seinen Körper hören muss.
Verletzung und Schmerzen können nicht ungeschehen gemacht oder weggezaubert werden.

Denn Verletzungen gehören nun mal zum Leben dazu und es ist wichtig, Kindern von Anfang beizubringen, damit auch selbst umzugehen und neben aller Fürsorge nicht in eine Form von Starre zu verfallen, bei der ohne Hilfe von aussen gar nichts mehr geht.

Alles, was ich oben schrieb, klingt bei nochmaligem Lesen recht abstrakt und theoretisch. Wir passen die Handlungsweisen natürlich dem Alter der Kinder, der Art und Schwere der Verletzung / Krankheit an und auch andere Besonderheiten werden berücksichtigt. Aber: Grundsätzlich ist dies das Handlungsmuster.

Ds Handlungsmuster meiner Kindheit war: Beiß die Zähne zusammen, ein Indianer kennt kein Schmerz, stell Dich nicht so an, so, ist gut jetzt…. usw. Wunden wurden durch Pflaster / Verband, Krankheiten vom Arzt "repariert".

Ich will das so für meine Kinder nicht, auch wenn ich diesem Anspruch nicht immer zu 100 % gerecht werde.

Ich kann meiner Liebsten dafür gar nicht genug danken, mir diesen Weg des – für mich ungwohnten – Umgangs mit Kindern und ihren Verletzungen, Krankheiten und Schmerzen gezeigt zu haben und nach wie vor zu zeigen.

Was ich noch zu meiner Jacke sagen wollte: Sie ist für mich auch ein Schutzwall nach aussen.

Ich habe immer große Jacken getragen, da ich mich darin am besten verstecken konnte. Meine Körperkonturen waren darin nicht gut zu sehen und mein Übergewicht, der dicke Bauch und alles andere verschwanden darin und dahinter.

Auch war die Jacke meine Rüstung. Mein Schutz gegen das Leben da draußen, die Welt und alles.

Dabei war der Feind schon längst drin. Die negativen Gedanken, die oft depressiv angehauchte Stimmung, die Einsamkeit, die verkümmerten Emotionen, das hohle Gerede, die grauen Gedanken.

All das war in mir und ist – auch wenn es seit einiger Zeit im Schwinden begriffen ist – noch vorhanden und klammert sich mit Wurzeln und Klauen an meine Gedanken, mein Herz und meine Seele. Ich muss und werde diese Verbindungen weiter lösen, damit ich endlich davon frei bin.

Ich will die Jacke nur noch anziehen, wenn es kalt wird und nicht mehr, wenn ich mich so mies fühle wie heute. Diese Form der negativen Gedanken und alles, was damit zusammenhängt, muss endlich weg aus meinem Leben.

"Es ist nicht wichtig, wo Du herkommst, sondern wer Du sein willst."

Dieser Satz fiel gestern in dem Film, den ich mit den zwei mittleren Kindern im Kino gesehen habe (Schlümpfe 2)

Ich will ein besserer Mensch sein, als ich bin.

Und die Jacke nur noch dann tragen, wenn ich sie wirklich brauche.

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